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Kein Aufatmen, aber ermutigende Perspektiven

Halbzeitbilanz im Bistumsprojekt „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“
Kein Aufatmen, aber ermutigende Perspektiven
Kein Aufatmen, aber ermutigende Perspektiven
Gedankenblitze und neue Fragen © D. Wiese-Gutheil/Bistum Limburg

An ein Aufatmen ist noch lange nicht zu denken: Vor gut einem Jahr wurde das Projekt des Bistums Limburg „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in Auftrag gegeben. Seit vier Monaten arbeiten 70 Experten intensiv in neun Teilprojekten an unterschiedlichen Fragestellungen. Im Juni sollen deren Berichte mit konkreten Empfehlungen an den Limburger Bischof Georg Bätzing und die Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai, die beiden Auftraggeber, übergeben werden.

Bei einem Halbzeittreffen am Freitag, 7. Februar, im Frankfurter Haus am Dom berichteten die Teilnehmer von erfolgreichen Arbeitsansätzen und ersten Beschlüssen. Insgesamt gebe es ermutigende Perspektiven, aber immer noch auch die Sorge, notwendige Änderungen nicht dauerhaft in das System einpflanzen zu können.

Klerikalismus benennen und analysieren

Positiv bewerteten die Projektbeobachter, dass etwa ein erweitertes Konzept zur Personalführung erstellt wird, auf der Bistumshomepage Hilfen und Hinweise für Betroffene sexualisierter Gewalt leichter auffindbar sind oder die Interventionsordnung überarbeitet wird. Auch die Möglichkeiten von Doppelspitzen in Leitungsämtern werden erörtert, Klerikalismus in der Liturgie, bei Sakramenten oder in Leitungsfunktionen benannt und analysiert. Täterprofile wurden untersucht und eine Neubewertung von Homosexualität vorgenommen.

Auf dem Prüfstand steht auch das Kirchenrecht: Nach der Analyse bestehender Ordnungen und der Leitungs- und Kontrollstrukturen wird eine unabhängige Beschwerdestelle für unerlässlich gehalten. In enger Abstimmung mit der Deutschen Bischofskonferenz soll es den Vorstellungen zufolge künftig auch kirchliche Strafgerichte und eine kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit im Bistum Limburg geben.

Das Projekt des Bistums umfasst neun Teilgruppen: Neben einer unabhängigen Untersuchung aller Personalakten durch externe Fachleute wird die Aus- und Weiterbildung von Seelsorgern in der Diözese überarbeitet, werden Informationsabläufe überprüft und systemische Faktoren, die Missbrauch in der katholischen Kirche begünstigen, analysiert.

Ziel ist es, klerikale Machtstrukturen aufzubrechen, kirchenrechtliche Konsequenzen und eine Gewaltenunterscheidung zu diskutieren, die Rolle der Frau in der Kirche zu stärken und die Auseinandersetzung mit der katholischen Sexualmoral zu forcieren. Bischof Bätzing hat die Umsetzung aller Vorschläge zugesagt, soweit ihm dies rechtlich möglich ist. Darüber hinausgehende Empfehlungen sollen in den synodalen Gremien diskutiert und abgestimmt, bzw. in die Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz eingespeist werden.

Projekt muss nachhaltig sein

Große Bedeutung kommt auch der Frage der Nachhaltigkeit zu: Immer wieder äußerten Teilnehmer bei dem Halbzeittreffen die Sorge, dass Vorschläge nach Ende des Projektes versandeten. Dazu müssten vor allem Betroffene mehr gehört und ein Beschwerdemonitor eingerichtet werden. Einhellig sprachen sich die Teilnehmer dafür aus, den Auftrag an die Kontrollgruppe über das Ende des Projektes hinaus zu verlängern. Die Wirksamkeit aller vorgeschlagenen Maßnahmen sei nur garantiert, wenn es eine wiederkehrende und anhaltende Erfolgskontrolle gebe. Auch ein Betroffenenbeirat solle, so die Empfehlung, langfristig in die Präventionsarbeit des Bistums einbezogen werden.

Beklagt wurde zudem, dass es im Bistum immer noch Angst gebe, offen zu reden. Viele Bistumsmitarbeiter fühlten sich durch die Abhängigkeit vom Arbeitgeber eingeschränkt und wagten nur in geringem Maße Missstände anzusprechen. Zurückgeführt wurde dies auch auf die von vielen als unzureichend empfundene Aufarbeitung der so genannten Tebartz-Ära. Unter dem früheren Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst habe es massive Einschüchterung gegeben, die trotz vieler Versuche nicht wirklich aufgearbeitet sei, hieß es von Teilnehmern des Treffens. An geeigneter Stelle solle es deshalb noch einmal eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Bistumsgeschichte geben, um die beklagte Sprachlosigkeit aufzubrechen. 

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