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„Betroffene hören – Missbrauch verhindern“

Aktuelle Informationen zum Stand der Umsetzung
„Betroffene hören – Missbrauch verhindern“
„Betroffene hören – Missbrauch verhindern“
© R. Malorny/Haus am Dom

Im Juni 2020 wurden in der Paulskirche in Frankfurt die Ergebnisse des Projekts „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ vorgestellt und an die Auftraggeber des Projekts, Bischof Dr. Georg Bätzing und Ingeborg Schillai (Präsidentin der Diözesanversammlung) übergeben. Gleichzeitig wurde ein Implementierungsplan überreicht, der rund 60 konkrete Maßnahmen für das Bistum Limburg benennt. Im Oktober 2020 ernannte Bischof Dr. Georg Bätzing DDr. Caspar Söling zum Bischöflichen Beauftragten für die Implementierung der MHG-Projektergebnisse. Bis Herbst 2023 sollen unter seiner Leitung die rund 60 Maßnahmen im Bistum Limburg umgesetzt werden.

Der Bischöfliche Beauftragte ist gegenüber der Unabhängigen Kommission berichtspflichtig. Darüber hinaus soll der Betroffenenbeirat sicherstellen, dass bei allen für sie relevanten Fragen die Betroffenenperspektive gehört wird.

Aus den über 400 Seiten Projektdokumentation der 70 Expertinnen und Experten entstand ein Implementierungsplan, der rund 60 Maßnahmen detailliert beschreibt und verortet. In der Tabelle ist neben der Maßnahme selbst auch benannt, wie das Ziel erreicht werden soll, wer dafür verantwortlich sein sollte und wie die zeitliche Umsetzung erfolgen könnte.

Implementierungsplan Stand 2021

Mit Start der Implementierung gab es an einzelnen Stellen redaktionelle Änderungen zu dem ursprünglichen Implementierungsplan aus der Paulskirche. Eine wichtige Veränderung ist die Anpassung der Nummerierung, sodass jede Maßnahme über eine eindeutige und nachvollziehbare Nummer verfügt. Dies war im ursprünglichen Implementierungsplan nicht konsequent gegeben.

Eine Übersicht der genannten redaktionellen Überarbeitungen finden Sie hier:

2.1.1 Sexualmoral „Verheimlichung“ verantw. Bischof

--> 2.1.1.1

2.1 Sexualmoral „Verheimlichung“ verantw. Generalvikar 

--> 2.1.1.2

2.1 Sexualmoral „Verheimlichung“ verantw. Pastorale Dienste

--> 2.1.1.3

2.2.1 Gleichberechtigung          

--> 2.2.1 Gleichberechtigter Zugang

2.2.2 Paritätische Besetzung der Glaubenskommission / Glaubenskongregation

--> Paritätische Besetzung der Glaubenskommission

3.1.2.2 Klerikalistische Strukturen in der Liturgie überwinden   

--> 3.1.2

3.2.1.2 Doppelspitzen in Leitungsämtern auf allen Ebenen (…) 

--> 3.2.1.3

3.2.1.3 Gegen Doppelmoral      

--> Postklerikalistisch

3.3.4.3 Supervision für Priester

--> 3.3.4.4 

 

Um die Maßnahmen im Bistum umzusetzen, wurden sie entsprechend ihrer Inhalte in insgesamt acht Roadmaps eingearbeitet. Die Unterteilung erfolgte nach den Zuständigkeiten der Dezernate Personal, Pastorale Dienste, Kinder / Jugend und Familie, sowie des Bischofs, Generalvikars und Transformationsprogramm, Kirchenentwicklung und Diözesancaritasverband.

In den Roadmaps sind die Zeiträume und Verantwortlichen für die jeweilige Implementierung benannt. Diese Roadmaps sind Ausgangspunkt für die Implementierungsaufträge. Erst bei deren Erarbeitung können die endgültigen Zeitfenster definiert werden.

Roadmaps: Gesamtübersicht

Roadmap Bischof: Bischof Dr. Georg Bätzing

Roadmap Diözesancaritasverband: Diözesancaritasdirektor Klärner

Roadmap Generalvikar: Generalvikar Wolfgang Rösch

Roadmap Kinder, Jugend und Familie: Dezernent Domkapitular Franz

Roadmap Kirchenentwicklung: Regens Dr. Christof May (Bischofsvikar für die Kirchenentwicklung) und Juliane Schlaud-Wolf (Bischöfliche Beauftragte für Kirchenentwicklung)

Roadmap Pastorale Dienste: Dezernentin Prof. Wustmans

Roadmap Personal: Dezernent Domkapitular Franz

Roadmap Transformationsprogramm: Johannes Weuthen (interne Programmleitung Transformationsprogramm) 

Am Ende eines jeden Quartals wird der aktuelle Stand der Implementierungen in einem Quartalsbericht erfasst. Mit einem Ampelsystem wird transparent und übersichtlich dargestellt, ob die Arbeit im Zeitplan verläuft. Ist dies nicht der Fall, wird dies in einem Kommentar erläutert.

Grün: Quartalsziel erreicht
Gelb: Quartalsziel nicht erreicht
Rot: Quartalsziel wiederholt nicht erreicht

Der nächste Quartalsbericht folgt am 20. Januar 2022.

Hier sind monatlich neue Kurzinterviews mit Verantwortlichen aus dem Implementierungsprozess zu lesen.

Nachgefragt

Bei „Nachgefragt“ berichten die Verantwortungsträgerinnen und –träger über ihre Rolle und Arbeit im Implementierungsprozess.

 

Samuel Stricker ist Leiter des Zentrums für christliche Meditation und Spiritualität in Hl. Kreuz Frankfurt.

An welcher Maßnahme arbeiten Sie aktuell und in welchem Zusammenhang steht das mit Ihrer sonstigen Tätigkeit?

Aktuell arbeite ich, zusammen mit einer Arbeitsgruppe, an einem Rahmenkonzept gegen spirituellen Missbrauch im Bistum Limburg. Dabei werden Standards für das Bistum benannt, die geistlichen Missbrauch bestmöglich verhindern sollen und die dann in den verschiedenen Bereichen (Pfarreien, Einrichtungen, Verbänden, Gemeinschaften, etc.) konkretisiert werden. Dabei geht es auch darum, Ansprechpersonen für Betroffene von spirituellem Missbrauch zu benennen und standardisierte Verfahrenswege bei Verdachtsmeldungen zu etablieren.

In meiner Tätigkeit habe ich  – vor allem in der geistlichen und seelsorglichen Begleitung - immer wieder mit Menschen zu tun, die Missbrauch erleben mussten. Außerdem hat unser „Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität“ den Auftrag, die spirituelle Vielfalt der christlichen Tradition sicht- und erfahrbar zu machen und Menschen in ihrer Suche nach einer authentischen und selbstbestimmten Spiritualität zu unterstützen. Das ist meiner Einschätzung nach auch einer der wichtigsten Punkte zur Prävention von spirituellem Missbrauch.

Auf welche Herausforderungen stoßen Sie? Und welche Lösungen finden Sie?

Spiritueller Missbrauch ist zwar kein neues Phänomen, die kirchliche Auseinandersetzung damit steht allerdings noch ganz am Anfang. Bisher gibt es keine allgemein gültige Definition, was spiritueller Missbrauch eigentlich genau ist oder wo missbräuchliches Verhalten anfängt. Das ist aber die Voraussetzung dafür, dass spiritueller Missbrauch benannt und auch angezeigt und sanktioniert werden kann. Auch in der staatlichen Rechtsprechung kommt geistlicher Missbrauch nicht vor. Daher besteht ein erster Schritt darin, zu beschreiben, was unter spirituellem Missbrauch zu verstehen ist.

Dabei macht das geistliche/spirituelle Leben - also die persönliche (und gemeinschaftliche) Beziehung und ihre Gestaltung zu Gott, zu mir Selbst, zu meinen Mitmenschen und zur ganzen Schöpfung – den Kern unseres Christseins aus. Die Auseinandersetzung mit Macht und Missbrauch in diesem Bereich berührt daher praktisch alle Facetten unseres Kircheseins – von ganz persönlichen, über pastoral praktische, theologische, systemische und strukturelle Fragen. Das macht das Thema sehr komplex. Eine wirksame Prävention muss daher viele Aspekte auf ganz unterschiedlichen Ebenen beinhalten. Das Rahmenkonzept setzt dabei so etwas wie „Mindeststandards“, die vor allem etwas mit Grundhaltungen zu tun haben und damit, wie wir unseren Auftrag als Kirche im Bistum Limburg verstehen.

Welche Effekte hat das Ergebnis für die Betroffenen?

Zum einen hoffen wir natürlich, möglichst viele für das Thema zu sensibilisieren. Spiritueller Missbrauch kann an allen Orten und in allen Formen kirchlichen Lebens geschehen und beschränkt sich keinesfalls nur auf Ordensgemeinschaften oder die Geistliche Begleitung. Es braucht ein Bewusstsein und eine Kultur der Achtsamkeit für Grenzverletzungen im geistlichen/spirituellen Bereich, nicht nur weil spiritueller Missbrauch häufig sexuellem Missbrauch voraus geht.

Durch die Beschreibung und die Etablierung von Standards gegen spirituellen Missbrauch, wird es für Betroffene hoffentlich besser möglich, übergriffige Erfahrungen als solche einordnen zu können und sprachfähig zu werden. Spiritueller Missbrauch kann dann benannt und sanktioniert werden und die Verfahrenswege sind dabei transparent.

Nicht zuletzt leistet eine umfassend Prävention einen wichtigen Beitrag dazu, dass Kirche im Bistum Limburg ein sicherer Raum für alle Menschen ist und bestmöglich vor spirituellem und sexuellem Missbrauch schützt.

Johannes Weuthen (Stabstelle Projektsteuerung) leitet gemeinsam mit Christiane Baer das Transformationsprogramm im Bistum Limburg.

1. Wie sind Sie an der Implementierung beteiligt?

Als interner Leiter des Transformationsprogramms ist es meine Aufgabe, die Themen zu koordinieren, die sich im MHG-Folgeprojekt und im Transformationsprogramm überlappen. Wir haben die große Herausforderung, aber auch die einmalige Chance, bei der Neuaufstellung des Bischöflichen Ordinariates und der mittleren Ebene/der Bezirke sowie der kurialen und synodalen Beratungs- und Entscheidungsprozesse MHG-Themen in ihren großen Zusammenhängen und nicht als Einzelthemen anzugehen. Dies sind Themen wie ein neues Verständnis der Leitungsaufgabe und Besetzung von Leitungsfunktionen nicht nur durch eine Person, diversere Zusammensetzungen der Gremien, Gewaltenunterscheidung, zukünftige Struktur des Bischöflichen Ordinariates unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips oder Trennung von Vermögensverwaltung und Vermögenskontrolle.

2. Welche Wirkungen haben die Ergebnisse für die Betroffenen?

Die systemischen Ursachen von sexuellem Missbrauch sollen aufgebrochen werden. Alle Themen, die im Rahmen des Transformationsprogramms aufgegriffen werden, zielen auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit, gemeinsame Wahrnehmung von Verantwortung und systematische Kontrolle. Sie schaffen so die institutionellen Rahmenbedingungen dafür, dass kirchliche Verantwortungsträgerinnen und -träger sexuellen Missbrauch verhindern, bzw. dass Fehlverhalten aus der Perspektive der Betroffenen in der Kirche wahrgenommen und angegangen wird.

3. Welche Auswirkungen auf die Mitarbeiter/innen im Bistum erwarten Sie?

Die größte Auswirkung wird sein, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bistum Limburg gemeinsam lernen müssen, aus der Perspektive der Betroffenen her wahrzunehmen, zu denken und zu handeln. Dies ist die Grundvoraussetzung, um in eine andere Kultur des Kircheseins zu kommen. Alle Änderung in der Organisation nutzen nichts, wenn dieser Blickwechsel nicht kontinuierlich erlernt wird. Und das geht nur gemeinsam. Mit diesem Blick können dann auch die oben genannten Veränderungen in der Organisation gestaltet werden. Ohne ihn wird dies nicht gelingen.

Professorin Dr. Hildegard Wustmans ist seit Dezember 2017 Dezernentin für Pastorale Dienste im Bistum Limburg. Zuvor lehrte sie Pastoraltheologie an der Katholischen Privat-Universität in Linz in Österreich. Von 2006 bis 2009 leitete sie das Dezernat Kinder, Jugend und Familie im Bischöflichen Ordinariat.

Wie sind Sie an der Implementierung beteiligt?

Mit Frau Dr. Suharjanto darf ich das Teilprojekt „Theologie angesichts des Missbrauchs“ leiten. Vor dem Hintergrund der Theologie untersuchen wir in den nächsten zwei Jahren sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche. Denn schon jetzt zeigen die Ergebnisse der MHG-Studie u.a., dass Kirchenbilder Machtkonstellationen erzeugen können, die eine bedeutende Ursache des sexuellen Missbrauchs sind. So wollen wir in diesem Teilprojekt die theologischen Motive klerikaler Identitätskonstruktionen offenlegen, hinterfragen und den theologischen Kern neu auslegen. Die Auseinandersetzung soll dabei sowohl im Blick auf Opfer geschehen, aber auch um die Täterinnen und Täter sowie Dulderinnen und Dulder erweitert werden, mit dem Ziel, Muster zu entziffern und der Frage zuführen, wie sich angesichts des sexuellen und spirituellen Missbrauch die Theologie selbst zu verändern hat.

Welche Wirkungen haben die Ergebnisse für die Betroffenen?

Die Betroffenen merken hoffentlich, dass wir an den inhaltlichen Kern herangehen – die Theologie. Diese hat viel zu lange geschwiegen. Jetzt geht es darum, vor dem Hintergrund des grausigen Wissens, was mit Theologie legitimiert werden kann, diese umzuschreiben und neu sprachfähig zu machen. Unsere Arbeit ist dabei natürlich nur ein kleiner Baustein, vieles wird an den Fakultäten, in den Ausbildungen und in der Erwachsenenbildung zu verfolgen sein. Wir wollen aber einen Auftakt setzen.

Welche Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bistum erwarten Sie?

Wir hoffen, dass wir mit unserer Arbeit Machtasymmetrien reduzieren und falscher Idealisierung sakramental aufgeladener Lebensentwürfe konstruktiv-kritisch entgegenwirken können. Christliche Theologie angesichts des Missbrauchs zu treiben bedeutet, die Erfahrungen von Betroffenen durchgreifend werden zu lassen sowie den Umgang mit Schuld und Versöhnung zu thematisieren und zu kultivieren. Und das hat dann hoffentlich auch positive Effekte mit Blick auf das allgemeine Priestertum, es soll gestärkt werden.

Dr. Beate Gilles war Dezernentin für Kinder, Jugend und Familie im Bistum Limburg. Seit dem 1. Juli 2021 ist sie als Generalsekräterin der Deutschen Bischofskonferenz tätig. 

1. Wie sind Sie an der Implementierung beteiligt?
Aus der Roadmap sind fünf Aufgaben meinem Verantwortungsbereich, dem Dezernat Kinder, Jugend und Familie, zugeordnet. Dabei haben nicht alle Aufgaben in dem MHG Projekt allein ihren Ursprung, sondern sind z.T. schon länger in Arbeit. Die Arbeit an der Gleichstellungsordnung (2.2.3) ist eine Maßnahme, die von der Projektgruppe „Frauen und Kirche“, die der Diözesansynodalrat in seiner letzten Amtszeit initiiert hat, auf den Weg gebracht worden ist und ein erster Entwurf konnte schon im letzten Jahr beraten werden. Für den Sommer ist der Beschluss der überarbeiteten Fassung der Gleichstellungsordnung vorgesehen und die Einrichtung der Stelle einer Gleichstellungsbeauftragung ist im Anschluss dafür vorgesehen. In diesem Jahr hat die Arbeit an dem Thema Sexualpädagogische Kompetenz in der Pastoral begonnen (2.5.1), die Verbesserung der Sexualpädagogik für Kinder und Jugendliche (2.5.2) schließt daran nächstes Jahr an. Das Thema Gemeindearbeit aus Kinderperspektive bewerten (1.6) wird als MHG Maßnahme erst 2022 starten; die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist aber natürlich eine Perspektive, die in unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und insbesondere in der Jugendverbandsarbeit schon immer einen hohen Stellenwert hat.  

2. Welche Wirkungen haben die Ergebnisse für die Betroffenen?
Insbesondere die Vertuschung von Missbrauch kam dadurch zustande, dass es geschlossene Männerkreise gab. Die Gleichstellungsordnung ist ein wichtiger Baustein, diese einseitigen Konstellationen zu verhindern. Ein zweiter wesentlicher Faktor bestand und besteht darin, dass die Bedürfnisse, Dynamiken und Grenzen menschlicher Sexualität insbesondere in kirchlichen Kreisen tabuisiert wurden. Nun arbeiten wir an einem umfassenderen Verständnis von Sexualität  und daran, wie diese Themen angemessen kommuniziert werden können. Das ist immer eine Gradwanderung. Gerade weil wir heute in einer auf der Bildebene sexualisierten Gesellschaft leben, ist es wichtig, die Beziehungsdimension der Sexualität herauszustellen. Damit wird auch schneller erkennbar, wo diese Dimension verlassen wird und der Missbrauch beginnt. Alle diese Themen nehmen die Zukunft in den Blick; das ist meines Erachtens eine wichtige Perspektive, da wir damit zum Ausdruck bringen, dass Missbrauch nicht allein ein Thema der Aufarbeitung der Vergangenheit ist. 

3. Welche Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bistum erwarten Sie?
Alle Beteiligten in der Kinder- und Jugendarbeit unterstützen junge Menschen auf ihrem Weg; die Ergebnisse der MHG Studie haben uns gezeigt, dass das Themenspektrum sich dabei z.B. um sexualpädagogische Perspektiven erweitern muss, um Kinder und Jugendliche stark zu machen. Die Gleichstellungsordnung und die zugrunde liegende Analyse sensibilisiert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Machtkonstellationen in den eigenen Strukturen und verpflichtet uns zu konkreten Maßnahmen, um diese in Zukunft geschlechtergerechter zu gestalten. Es freut mich sehr, dass wir diesen Schritt der Selbstverpflichtung gehen. Es ist auch vorgesehen, dass es ein paritätisch besetztes Gleichstellungsteam geben wird und damit konkrete Ansprechpartnerinnen und -partner für alle Kolleginnen und Kollegen. Die Frage, wie ein solches Team besetzt wird und das Gespräch um Doppelspitzen fördert die Auseinandersetzung mit dem Thema Leitungsverantwortung, die auf allen Ebenen wichtig ist. 

1. Wie sind Sie an der Implementierung beteiligt?
Ich bin nominell für elf Maßnahmen verantwortlich. Bei fünf Maßnahmen ist die Umsetzung bereits gestartet. So konnten wir die Stelle einer Fachkraft für Kommunikation einrichten, mit dem Aufbau eines Beschwerdemanagements beginnen und die Interventionsordnung fortschreiben, was drei Maßnahmen betrifft. 
Gemeinsam mit dem Bischof habe ich aber auch Verantwortung für die gesamte Implementierung. Ich sehe in der Umsetzung die große Chance zu wirklichen Veränderungen und zu einer neuen Kultur zu kommen. Ich spüre, wie alle Verantwortlichen und alle Mitarbeitenden an einem Strang ziehen, um die Umsetzung voranzubringen. Das freut mich sehr. Das Projekt wird sehr ernst genommen und durch die Arbeit der 70 Expertinnen und Experten sind viele blinde Flecken in unseren Strukturen sichtbar gemacht worden, die wir nun beleuchten und verändern können.

2. Welche Wirkungen haben die Ergebnisse für die Betroffenen?
Ich wünsche mir, dass Betroffene durch unser entschiedenes Handeln sehen, dass wir gelernt haben und wirkliche Veränderung wollen. Das geht nur durch eine kritische und externe Begleitung. Wir schaffen es nicht alleine. Wir wollen uns diesem Thema wirklich stellen. Wir brauchen eine neue Kultur. Betroffene sollen spüren, dass wir sie ernst nehmen und ihnen zuhören. Eine zentrale Überschrift bei der Umsetzung heißt „Mit den Menschen“. Deswegen werden wir systematisch auf Betroffene zugehen und niedrigschwellige Zugänge für sie schaffen. Wir überarbeiten die Interventionsordnung. Ein Ziel ist es, die Verfahren für Betroffene einfacher und verbindlicher zu machen. Das ist wichtig.

3. Welche Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums erwarten Sie?
Bei den Maßnahmen geht es auch darum Machtmissbrauch zu verhindern. Ein systematisches, transparentes und gut etabliertes Beschwerdemanagement ist hier ein wichtiges Instrument der Verhinderung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen dadurch organisatorische Klarheit und nötige Orientierung. Mir ist es zudem wichtig, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Implementierung nicht als zusätzliche Aufgabe oder gar als Belastung empfinden, sondern spüren, dass eine veränderte Kultur uns zum Guten führt.  
 

Werkstattgespräche

Die „Werkstattgespräche“ geben Einblick in die konkrete Arbeit der Implementierungsverantwortlichen.

Dr. Holger Dörnemann ist Abteilungsleiter der Abteilung Familien und Generationen im Dezernat Kinder, Jugend und Familie.

An welcher Maßnahme arbeiten Sie aktuell und in welchem Zusammenhang steht das mit Ihrer sonstigen Tätigkeit?

Im Rahmen des Projektes „Sexualpädagogische Kompetenz in kirchlichen Arbeitsfeldern“ haben wir uns zuletzt mit sexualpädagogischer Arbeit an der Schnittstelle der Präventionsarbeit befasst, von Erfahrungen sexualpädagogischer Konzeptarbeit im Bistum Mainz gelernt und auch einen Blick in die fächerübergreifende und vernetzte Anlage der Sexualerziehung in schulischen Lehrplänen geworfen. Als nächster Schritt steht die Zusammenstellung eines ersten Entwurfs von Leitlinien sexueller Bildung und sexualpädagogischer Bildungsaufgaben für das Bistum Limburg an, die wir Anfang nächsten Jahres vorlegen wollen. Es ist zugleich auch ein Startsignal und eine Staffelübergabe an das sich anschließende Projekt „Die Sprachfähigkeit zur Sexualität von Kindern und Jugendlichen verbessern“, das im Frühjahr nächsten Jahres anfangen wird. Als Abteilungsleiter im Dezernat Kinder, Jugend und Familie empfinde ich beide Projekte sehr nah am Grundauftrag meiner Verantwortung. 

Auf welche Herausforderungen stoßen Sie? / Und welche Lösungen finden Sie?

Ich habe es schon als Ruck wahrgenommen, als direkt zu Beginn des Projektes Anfang dieses Jahres eine erste Nagelprobe hinsichtlich der Ernsthaftigkeit des Projektes anstand, bzw. als die Frage des Einbezugs von Kompetenzen Sexueller Bildung in die Ausbildungsordnung pastoraler Berufe zur Diskussion stand. Ich bin froh, dass es so gekommen ist und die neue Ausbildungsordnung dieses Kompetenzfeld ganz ausdrücklich enthält; und ebenso fest davon überzeugt, dass es ohne das MHG-Implementierungsprojekt nicht dazu gekommen wäre. Aber auch das Papier einer Ausbildungsordnung ist geduldig, wenn es keine Wirksamkeit in der Praxis entfaltet. Darauf hinzuwirken, sehen wir im Implementierungsauftrag als unsere größte Aufgabe: Dass sich mit einer neuen Sprachfähigkeit auch eine neue Praxis in den verschiedenen kirchlichen Arbeitsfeldern entfaltet und sich jeder Bereich auch ganz konkret ausweisen kann und muss: Was tut Ihr konkret in Sachen sexueller Bildung?

Welche Effekte hat das Ergebnis für die Betroffenen?

Die angefertigten Gutachten und Studien im Vorfeld der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt – die bekannteste ist die MHG-Studie - benennen den Mangel sexueller Reife und Bildung als systemische Ursache und Risikofaktor für sexualisierte Gewalt und Grenzverletzung. Daraus folgt unmittelbar die Forderung, sexueller Bildung und Sexualpädagogik künftig einen neuen Stellenwert in pädagogischen und pastoralen Einrichtungen zu geben und personelle und sachbezogene Ressourcen dafür bereitzuhalten bzw. weiter zu qualifizieren. All dies dient auch dem Schutz. In der Fort- und Weiterbildung müssen deshalb in allen Bereichen der kirchlichen Dienste insbesondere diejenigen geschult werden, die im Nah- und Abhängigkeitsbereich mit Kindern, Jugendlichen und schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen arbeiten. Aber die Förderung der Sprachfähigkeit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist ebenso wichtig, quasi die andere Seite der Medaille: die Sprachfähigkeit zu schulen, die die sexuelle Entwicklung fördert und darin ebenfalls dem Schutz vor sexualisierter Gewalt dient. In den verschiedensten Arbeitsbereichen muss zugleich die Sensibilisierung der Bedeutung von Abhängigkeiten und Machtverhältnissen, die zwischen Menschen bestehen, thematisiert und bewusst werden. Das gelingt nur, wenn die zugrunde liegenden Leitlinien sexueller Bildung auch die Freiheit atmen und auf sexuelle Selbstbestimmung zielen, die dem christlichen Glauben in der heutigen Zeit gemäß sind. Von daher werden auch die Leitlinien auf Bistumsebene eine Signalwirkung haben.

Christof May ist Domkapitular und Regens im Bistum Limburg. Zudem leitet er gemeinsam mit Juliane Schlaud-Wolf den Prozess der Kirchenentwicklung im Bistum Limburg. 

An welcher Maßnahme arbeiten Sie aktuell bzw. haben Sie gearbeitet und in welchem Zusammenhang steht das mit Ihrer sonstigen Tätigkeit?
Claudia Lamargese, Heiko Dörr, Mathias Wolf und ich arbeiten als Team weiter am neuen Ausbildungskonzept und der neuen Ausbildungsordnung. Wie stehen für die Ausbildung und sind dafür verantwortlich, Seelsorgerinnen und Seelsorger in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und im Bereich der Kompetenzen zu unterstützen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen für diese äußerst verantwortlichen Aufgaben zu qualifizieren und ein „Rüstzeug“ an die Hand zu geben.

Auf welche Herausforderungen sind Sie gestoßen? Und welche Lösungen haben Sie gefunden?
Der Prozess hin zur neuen Ausbildungsordnung sollte möglichst partizipativ erfolgen. Schwierig wurde es, wenn sich konkrete Eingaben von verschiedenen Personen widersprachen… Die Lösung bestand in der Einrichtung einer Resonanzgruppe und in der frühzeitigen Einbindung verschiedener kurialer und synodaler Gremien. Dadurch flossen alle Rückmeldungen in den Entscheidungsprozess mit ein.

Welche Effekte hat das Ergebnis für die Betroffenen?
Ausbildung und Begleitung sind individueller und persönlicher ausgerichtet; insgesamt sind die Entscheidungswege viel transparenter geworden. Die Ausbildung nimmt vornehmlich die Grundkompetenzen in den Blick. Die Themen Prävention und Missbrauch sind in bestehende Ausbildungsformate (etwa seelsorgliche Gesprächsführung) mit eingeflossen. Eigene Formate (wie eine eigene Präventionsschulung) wurden entwickelt. Hierbei machen wir die Erfahrung, dass in der Ausbildung eine gewisse Grundsensibilität für die ganz alltägliche pastorale Begegnung geschult wird. Dabei läuft im Hintergrund immer die Reflexionsschleife mit: Habe ich adäquat sensibel reagiert? War meine Nähe bzw. Distanz angemessen?

Die Frage der Haltung hinsichtlich möglicher Grenzüberschreitungen, vor allem im geistlichen Bereich, wird stärker fokussiert: Aus welcher Haltung heraus begegne ich anderen Menschen als Mensch im pastoralen Dienst? Wie begegne ich Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen?  Wie wirke ich als Kleriker auf andere, so dass mir womöglich eine Autorität zugesprochen wird, die mir gar nicht zukommt.

Sefanie Matulla ist Leiterin des Referats Mädchen und Frauenarbeit und Referentin in der Diözesanstelle Berufe der Kirche im Bistum Limburg.

An welcher Maßnahme arbeiten Sie aktuell und in welchem Zusammenhang steht das mit Ihrer sonstigen Tätigkeit?

Mein Implementierungsauftrag ist die Gleichstellungsordnung. In der MHG-Studie wird zwar kein Zusammenhang zwischen Missbrauch und Geschlechtergerechtigkeit hergestellt, aber die Problematik „Männerbünde“ genannt. Was wir mit der Gleichstellungsordnung erreichen wollen, ist die Vermeidung geschlechtshomogener Gruppen im kurialen und synodalen Bereich. Dadurch soll die Bearbeitung von Risiken und Vorfällen verbessert werden.

An einer Gleichstellungsordnung wurde im Bistum bereits vor dem MHG-Projekt gearbeitet. Nachdem die Bischofskonferenz eine Erklärung zum „Zusammenwirken von Frauen und Männern im Dienst und Leben der Kirche“ veröffentlich hat und eine 1/3-Frauenquote anpeilt, machte der Diözesansynodalrat sich dies zu eigen und beauftragte die Projektgruppe Geschlechtergerechte Kirche (ehem. Kirche und Frauen) damit. Da die Geschäftsführung dieser Gruppe im Referat Mädchen- und Frauenarbeit liegt, passt der Implementierungsauftrag inhaltlich gut in meine Arbeit.

Auf welche Herausforderungen stoßen Sie? / Und welche Lösungen finden Sie?

Mittlerweile befinden wir uns mit der Gleichstellungsordnung im Beratungsgang – im September soll sie gemäß Implementierungsauftrag final beraten werden, damit der Bischof von Limburg sie dann in Kraft setzen kann. Auf der Zielgeraden hat sich gezeigt, dass es einen klaren juristischen Rahmen braucht, um unsere Gleichstellungsanliegen möglichst verbindlich zu machen. Deshalb sind wir dankbar, dass die Juristinnen und Juristen die Erarbeitungen unserer Arbeitsgruppe gegenwärtig in eine finale Form bringen.

Im Prozess selbst nehmen wir wahr, dass das Thema Gleichstellung, insbesondere mit dem Ziel der Sensibilisierung für Machtkonstellationen, durchaus emotional behaftet ist und alleine schon das Gespräch darüber dazu beiträgt, Haltungsänderungen zu initiieren. 

Welche Effekte hat das Ergebnis für die Betroffenen?

„Insbesondere die Vertuschung kam dadurch zustande, dass es geschlossene Männerkreise gab“ – dem wollen wir durch die Vermeidung geschlechtshomogener Gruppen entgegenwirken und uns zugleich für „Machtkonstellationen in den eigenen Strukturen“ sensibilisieren, wie unsere ehemalige Roadmapverantwortliche Frau Dr. Gilles es für „nachgefragt“ formulierte. Ich bin sicher, dass wir durch die Gleichstellungsordnung und ihre Ziele unseren Beitrag zur Vermeidung von Missbrauch beisteuern können!

Professor Dr. Peter Platen ist Leiter der Abteilung "Kirchliches Recht" im Bistum Limburg. Er lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 

An welcher Maßnahme arbeiten Sie aktuell und in welchem Zusammenhang steht das mit Ihrer sonstigen Tätigkeit?
Die Einführung eines für jeden zugänglichen Beschwerdemanagements und –verfahrens auf der Grundlage einer Beschwerdeordnung gehört zu den Maßnahmen, die bei der Vorstellung der Ergebnisse des Bistums-MHG-Projektes „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ meiner Erinnerung nach in der Berichterstattung fast immer als besonders wichtig und plausibel benannt wurden. Im Zusammenhang des genannten Projektes wurde bereits ein detaillierter Entwurf einer solchen Beschwerdeordnung formuliert wie auch konkrete Überlegungen zur Implementierung eines darauf basierenden Beschwerdemanagements. Insofern es hierbei um den Erlass von partikularem Kirchenrecht geht, ist es sicher naheliegend, dass ich als in der Bistumsverwaltung tätiger Kirchenrechtler als Implementierungsverantwortlicher benannt wurde. 

Auf welche Herausforderungen stoßen Sie? Und welche Lösungen finden Sie?
Aktuell befasst sich der Hauptausschuss Recht des Diözesansynodalrates mit dem vorgelegten Ordnungsentwurf. Hierbei werden auch die gegenwärtige Praxis des Bistums Limburg im Umgang mit Beschwerden nach Maßgabe der bereits im Jahre 1997 aufgestellten Beschwerdeordnung wie auch die „Schnittstellen“ der vorgesehenen neuen Beschwerdeordnung zu verschiedenen anderen Regelwerken genau in den Blick genommen. Dieses Gremium besitzt nach meiner Einschätzung eine große fachliche Expertise, gerade auch in verfahrensrechtlicher Hinsicht. Schließlich geht es darum, dass die vorgeschlagenen Regelungen auch in Praxis gut zu handhaben sind und sich widerspruchsfrei anwenden lassen. Dankbar bin ich auch, dass auch Professor Dr. Thomas Meckel und Herr Vincent Jünger, beide Hochschule Sankt Georgen, die beiden maßgeblichen Autoren des Ordnungsentwurfes, wie auch mein kirchenrechtlicher Kollege Thomas Schön, der seit vielen Jahren als Mitarbeiter des Generalvikars mit der Praxis des geltenden Beschwerdeverfahrens befasst ist, bei der Implementierung dieses Vorhabens mitwirken. 

Welche Effekte hat das Ergebnis für die Betroffenen?
Ich bin davon überzeugt, dass die Formulierung im entsprechenden Implementierungsauftrag zutreffend ist. Dort heißt es: „Sexueller Missbrauch fängt immer im Kleinen mit dem Missbrauch von Macht an. Durch ein Beschwerdemanagement wird bereits in den Anfängen eingegriffen. Zudem wird die Rechtskultur im Bistum gefördert, da bereits die Möglichkeit einer Beschwerde die Praxis verändern kann.“

Kontakt: 

Implementierung der MHG-Projektergebnisse „Betroffene hören- Missbrauch verhindern“

Bischöflicher Beauftragter: Dr. Caspar Söling
Referentin: Anna Sauer
Sekretariat: Sabine Trabusch

Telefon: 06431 295 736
Mail: I-MHG@bistumbistumlimburglimburg.de

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